Finanzierung und Programmatik – oder umgekehrt?

Und noch in anderer Hinsicht waren die SCHRITTE höchst anregend: Die Finanzierung des Verlags wird – bei einer anfänglichen Kapital-, nein, nicht -Decke, sondern eher -Tüchlein – in Anlehnung an die Kooperationen von SCHRITTE mit Sponsoren möglich, nämlich durch die Einrichtung einer einzigartigen Buch-Reihe, der »Reihe ETIKETT«.

Diese startet mit dem Titel Die Orgelpfeifen von Flandern, ebenfalls von Alban Nikolai Herbst. Das Besondere ist die Einführung von Sponsoren in die Buchproduktion. Die Deutsche Bahn unterstützt das Buch finanziell und erhält im Gegenzug die Titelseite als Werbefläche – Die Orgelpfeifen von Flandern werden von einer original Bahnfahrkarte für die Strecke Frankfurt – Paris geprägt, womit sogleich der Bezug zum Text hergestellt ist, der entlang eben jener Reisestrecke in die Novelle hineinführt ...

Stellt die »Reihe ETIKETT« das Standbein dar, so kann die entstehende 16er Reihe als Spielbein des Verlags bezeichnet werden: Von Hand fadengeheftete Bändchen von 16 bis 48 Seiten Umfang bieten Freiraum für experimentelle literarische Ausflüge und räumen Manfred Riepes »biestiger, wüster Splatter-Punk-Literatur« ebenso Platz ein wie dem klassischen Krankenbericht von Goethes letztem Leibarzt Dr. Carl Vogel aus Weimar, Die letzte Krankheit Goethe's. Dem zur Seite steht im ersten Programm Gustav Jacobsens 16er-Bändchen Die Limousine über seine Pendelei zwischen Frankfurt und San Francisco und eine bewegende Hommage an seinen sterbenden Vater. Und Berthold Dirnfellner schickt Robert Schumanns Silvesternacht am Rhein als 16er ins Rennen.

Programmatisch steht im Verlag das Buch von Guilio Einaudi, dem großen italienischen Literatur-Verleger, dessen Verlagsgeschichte im axel dielmann – verlag erscheinen kann. Eine große Ehre! Mit seinen 300 Seiten ist der Band Giulio Einaudi im Gespräch, den Beate Dirnfellner übersetzt, beinahe ein Handbuch für das Verlegen von anspruchsvoller, neuer Literatur, und en passant ein wesentliches Stück Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts: Bei Einaudi sind die meisten der großen italienischen Schriftsteller der zweiten Jahrhunderthälfte zuhause gewesen, richtungweisende Überlegungen für Italien wie für Europa wurden hier diskutiert und gedruckt, die schillerndsten Persönlichkeiten der Nachkriegszeit und der späteren Jahre trafen hier zusammen und / oder aufeinander.

Ich glaube allerdings, daß nicht nur der Einaudi-Verlag, sondern alle kulturell anspruchsvollen Verlagshäuser nur deshalb wachsen und sich festigen konnten, weil ihre wichtigsten Mitarbeiter bereit waren, viele Opfer zu bringen und jene Risiken einzugehen, die eine schwierige Arbeit mit sich bringt. Ich sage schwierig, denn solange derartige Verlage sich noch nicht am Markt bewährt haben, ziehen sie kein Kapital an und müssen sich ihre Zukunft ausschließlich über die Gunst des Publikums erschaffen. Man ist also in der schwierigen Lage, den Anreiz, es gut zu machen, immer höher anzusetzen, und gut nicht nur bei der Auswahl der Texte, sondern auch im Satzbild – in der Kunst, das Veröffentlichte auch bekannt zu machen, letztlich: in der Kunst der sozialen Beziehungen!

Am 29. September 1993 wird das von der Bundesbahn als Sponsor begleitete Buch Die Orgelpfeifen von Flandern zur Plattform einer recht eigenwilligen Veranstaltung: Auf der Strecke Frankfurt – Paris liest Alban Nikolai Herbst aus der Novelle. In einem 1. Klasse-Wagen ist ein Barhocker anmontiert worden, per Mikrofon und Bordlautsprecher-Anlage wird die Lesung im gesamten EuroCity übertragen. Vier Rundfunkjournalisten und sieben Reporter von Printmedien reisen mit. – Im Zug sind derweil zwei Mitarbeiterinnen unterwegs und verkaufen Die Orgelpfeifen von Flandern und andere Bücher des noch schmalen Verlagsprogramms aus eigens gezimmerten Bauchläden. Ein riesiger Spaß, und ein großartiger Erfolg!

Höchst beziehungsreich und lebendig geht es in der Folge auch im axel dielmann – verlag zu, nämlich bei der Mammut-Tour des Wolpertinger-Romans: In 33 Lesungen an verschiedenen Plätzen Frankfurts liest Alban Nikolai Herbst seinen Roman Stück um Stück vollständig vor. Dabei sind die Plätze der Lesungen so ausgewählt, daß sie zu dem jeweils gelesenen Kapitel oder Abschnitt passen: Kommt der Protagonist Hans Erich Deters am Bahnhof an, so liest Herbst im Bahnhofsrestaurant, verschlägt es Deters in eine Disko, so findet die Lesung in einer solchen statt, landet der Held endlich im berüchtigten Hotel Wolpertinger, so ist die Veranstaltung im hinreißenden Hotel Nizza in der Elbestraße, kommt der dickleibige Broker Dr. Elberich Lipom ins Spiel, so trägt sich die Lesung im Reuters-Saal des Hochhauses der Broker Brudencial Bache zu ...

Das Spektakel, das alle Branchengewißheiten Lügen straft (mehrere Lesungen mit ein und demselben Autor innerhalb kurzer Zeit in ein und derselben Stadt – das klappt nie!), ist ein Erfolg. Es gibt Wiedergänger und Fans der Serie, so daß der Plan reift, das Ganze in Berlin zu wiederholen. – Hier ist die Veranstaltungs-Konkurrenz größer als in Frankfurt, aber für Frühjahr 1994 kommen alle 33 Orte für die zweite Tour zusammen, passend wiederum zum jeweiligen Lesestoff.

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