2003: Zehnjähriges

Der Verlag feiert sein 10jähriges Bestehen! – Wieder einmal sind allerdings im ersten Halbjahr die Mittel knapp geworden, so daß nicht wirklich mit Pauken und Trompeten gefeiert wird. Leider sieht es insgesamt dürftig aus in der Buchbranche:

Die Zahl der Buchhandlungen, die das Verlagsprogramm pflegen, die grundsätzlich in der Lage und bereit sind, Literatur auch eigenwilliger Autoren zu bevoraten, sinkt weiter und weiter, das Gejammer über darniederliegende Wirtschaft und die Sorgen um den erreichten Wohlstand im Land ist groß, es scheint der Antipol zu jenen 70er und 80er Jahren erreicht, in denen mit Kultur und Kulturpolitik etwas zu bewegen war. Die Event-Kultur greift mehr und mehr um sich, die wichtigsten offiziellen Literatur-Veranstalter kaprizieren sich immer weiter auf den Mainstream, das Arrivierte oder per Werbung und Preise-Karussell Vorverkaufte wird verstärkt, alles andere fällt aus.

(Ist es vernünftig, derlei so offen und der geneigten Öffentlichkeit einsehbar aufzuschreiben in einer »Firmengeschichte« – die doch immerhin Werbung für die »Produkte« machen soll und das Gelingen der Unternehmung vorführen muß, statt Zweifel aufkeimen zu lassen? – Ja. Denn es geht nicht um Defätismus! Und die Liebe zur Sache, zum Buch und zur Literatur, zu eigenwilligen Ästhetiken und besonderen Autoren-Köpfen darf getrost außer Frage stehen! Sie bilden den einen Bilanzposten einer Kultur-Unternehmung. Das andere, ebenso solide Kapital stellt das entschlossene Festhalten an diesen Werten und die konsequente bis sture Präsentation dieser Werte dar. Aber die Bedingungen von Kultur, die Voraussetzungen von kulturellen Leistungen sollen ruhig mitgedacht werden, wenn von ihrer Entstehung und Distribution die Rede ist – und diese Bedingungen sind mitunter die eines Entwicklungslandes!)

Um so nötiger freilich ist es, Kultur nicht (nur) als Wandschmuck in Unternehmenszentralen und als Image-Event ablaufen zu lassen, Literatur nicht zur gelangweilten Alternative zu »Mager-TV« bereitzuhalten – sondern nach dem Wichtigen, dem Originären, dem Bewegenden zu fahnden und es den, wie wenigen auch immer, Lesern anzubieten.

Hiervon ist auch Karl-Burkhard Haus überzeugt – und er wird Mitte 2003 Gesellschafter des Verlages. Und es kommt Bewegung in das Jahr. Im Mai war der 80ste Geburtstag des Soziologen Nicolaus Sombart zu feiern, zu welchem Anlaß sein Essay unter dem Titel Die Frau ist die Zukunft des Mannes / Aufklärung ist immer erotisch erscheint. Der Berliner Soziologe Frithjof Hager ist Herausgeber des knapp 400 Seiten dicken Bandes, in dem Sombart von den nach wie vor höchst wirkungsmächtigen männerbündlerischen Strukturen in unserer Gesellschaft seine Ableitungen trifft. – Die Zusammenarbeit mit Frithjof Hager wird sich im Folgenden in vielen Gesprächen anregend fortsetzen.

Nach dem Appetit-Happen geruch der liebe mit 6 Roman-Auszügen von Martin Bullinger in der 16er-Reihe und seinerm großformatigen Roman saubande erscheint als schöner Leinenband das unglaublich schwungvolle Buch du bist sex von Bullinger. Wer je sich auf eine Auslotung der Macken und Wunderlichkeiten unseres Erinnerns, der Schönheit von sprachlich widergegebenen Landschaften und den wurzelkrummen Schleichwegen von Verliebtheiten einlassen will, der muß dieses Buch zur Hand nehmen. – Martin Bullinger indes legt die Feder aus der Hand, ist müde von den zahllosen, ergebnislos gebliebenen Versuchen, sein erzählerisches Konzept an den Mann und die Frau, an die Leser zu bringen. Traurig ist dieser Rückzug, aber in seiner Konsequenz – die Martin Bullingers ästhetischer Kompromißlosigkeit in nichts nachsteht – nachgerade bewundernswert. Die Sorge um eine wundervolle literarische Stimme und die Frage danach, was ein kleiner Verlag »wirklich« für neue Autoren und innovative literarische Konzepte erreichen kann, bleiben. Sie bleiben eine dauerhafte Aufgabe!

Spät entsteht die Homepage, die Vorläuferin zu diesen Seiten: Dank an André Schwarz für seine grundlegenden Arbeiten. – Und Dank zugleich an Dr. Regina Roth, Berlin, und an Thomas Kunz, Darmstadt, für die Neugestaltung und mächtige Erweiterung der aktuellen Homepage. Man macht sich, wie immer, wenn es um Oberfläche und »Content« und zudem um Gestaltungsfragen geht, keine Vorstellungen von dem, was an Mühen im Hintergrund notwendig ist: Danke! – Und Danke! an Claudia Franz für die wochenlange Friemelei am Rohmaterial!

Ebenfalls zu einem weiteren schönen Titel führt die nun schon über 10 Jahre währende Zusammenarbeit mit Thomas Schwab: Er hat einmal mehr einen Text entdeckt, der verlockend scheint, beim Maler Paul Gauguin, welchem Thomas Schwab schon allein wegen der gemeinsamen Reise-Ziele in der Südsee nahe ist.

Mit Kleckserklatsch übersetzt Thomas Schwab einen bissigen Essay, den Gauguin ein Jahr vor seinem Tod über die Kunstkritiker seiner Tage schrieb – man muß sich ansehen, wie weit das aktuell geblieben ist!

Die Ideen sind wie die Träume eine Ansammlung mehr oder minder geformter Dinge oder geahnter Gedanken. Weiß man genau, woher sie stammen? Das wird im Museum für Moderne Kunst Frankfurt (MMK) im Rahmen einer Lesung aus dem 16er-Bändchen erörtert, die Thomas Schwab und das MMK und der Verlag am 100sten Geburtstag von Paul Gauguin veranstalten:
Das Kunstwerk wird nur erschaffen,
um erschaffen zu werden.

Zur Messe erscheint Band 2 der Literaten im Garten. Und dann macht der Messestand 2003 Furore: Eine Diagonal-Wand verläuft durch den 8 Meter langen Stand, in sie eingelassen ein bodentiefes Fenster à la Herbertstraße Hamburg-Sankt Pauli – es läßt in ein Boudoir blicken, ganz mit rotem Samt ausgeschlagen, darin ein Leopardensessel (Dank an Karin und Karl-Burkhard Haus in Bad Homburg) als Thron für die Edel-Hure Trixie Hübschmann!

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